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Kurzgeschichte: Anne

20.04.2016
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Das Wasser trug Anne. Das erste Mal seit vierzehn Jahren. Anne hielt die Luft an und breitete die Arme aus. Jetzt gab es kein Zurück. Die Sonne brüllte vom Himmel. Sie drang in jede Pore ihres Gesichtes. Heiß. Gelb. Klebrig. Auf ihren geschlossenen Augen zündete sie ein Leuchtfeuer, obwohl Anne ihre weiße Riesensonnenbrille trug, mit der sie aussah wie eine Schmeißfliege. Sie lag auf dem Rücken - so dass ihr der Grund des Waldsees verborgen blieb. Verbannte die kleine, aufgedunsene Gestalt mit wehendem Haar und den schwarzen Augenringen aus ihrem Gedächtnis. Die immer wieder den Weg aus ihren Albträumen in die Realität fand.

Unter ihr, tief im Wasser, da blühten Tulpen. Rote. Weiße. Gelbe. Meike hatte Tulpen geliebt. Rote. Weiße. Gelbe. „Wenn die Tulpen da sind, dann kommt endlich der Sommer“, plapperte sie die Worte ihrer Mutter nach. Und dann lächelte sie mit ihrem frechen Maike-Grinsen.

Vor Annes geschlossenen Augen bewegten sich die Blüten. Zuerst dachte sie, es sei nur eine leichte Wasserströmung, die die Kelche zur Seite wiegte. Aber es war eine graue Masse, die unaufhaltsam aus dem Boden in der Mitte des Sees sprudelte. Sie formte ein fließendes Band, das sich durch die Tulpen grub und diese niederwälzte. Straßen bahnte. Straßen, die Anne entlang gefahren war. Alle. Zuerst mit dem Fahrrad, später, als sie einen Führerschein hatte, mit dem Auto. Königsdorf. Bad Tölz. Oberbayern. Bayern. Deutschland. Das Radio ihres blauen Suzuki Swift spielte Sunshine, Sunshine Reggae. Die immer gleiche Melodie. Maikes Lieblingslied. Kurve um Kurve, Kreuzung um Kreuzung. Ein Netzwerk. Ein Labyrinth.

Annes Muskeln verkrampften sich. Sie schluckte Wasser, rang nach Luft. Die Kälte des Sees kroch in ihren Körper.

Dicht gedrängt standen die Tulpen auf dem Grund des Sees. Aufgereiht wie die blauen Glasperlen an Maikes Kette. Dort suchte Anne nach Maike. Sie hatte sich versteckt. Beide Mädchen liebten dieses Spiel. Den Kopf auf den Handrücken gelegt, an eine Tulpe gelehnt, hatte Anne gezählt. Eins. Zwei. Drei … Bis fünfzig hatte sie gezählt. Und in dieser Zeit war Maike verschwunden. Für immer. Als Anne die Augen öffnete, hatte sie ins unbewegte Wasser gestarrt. Normalerweise fand Anne ihre sechsjährige Schwester sofort. Maike war leicht durchschaubar. Aber diesmal hatte sie die Schwester auch nach fünf Minuten noch nicht entdeckt. Auch nicht nach zehn. Also verlor sie die Lust. Sie ließ sich treiben, summte vor sich hin. Dann blieb ihr Blick am Rand des Sees hängen. Das Ufer fiel steil ab.

Sie öffnete den Mund, um nach Maike zu rufen, aber ihre Lungen füllten sich mit Wasser. Prustend ruderte sie mit den Armen. Die kalt-steifen Glieder ließen sich kaum bewegen. Bewegungslos. Seit vierzehn Jahren. Alles endete immer in der Suche nach ihrer kleinen Schwester Maike. Die Beziehung zu ihren Eltern, die sie mit kalter Liebe erdrückten. Neue Bekanntschaften. Ihr Studium: naturwissenschaftliche Forensik. Dort hatte sie Diphenhydramin kennengelernt. Ein Schlafmittel, das in Überdosierung benebelte, zu Verwirrung und Atemstörungen führte, bis hin zum Herzstillstand.   

Anne wollte ihren Körper durch die Tulpen zwängen, aber sofort wuchsen die Blätter und versperrten ihr jeden Weg, den sie einschlug. Das machte sie wütend. Mit den Händen fuhr sie zwischen zwei benachbarte Tulpenstile, versuchte sie auseinanderzudrücken. Doch durch den Auftrieb im Wasser verlor sie immer wieder den Boden unter den Füßen. Ihr Herz raste, stolperte, setzte aus. Diesmal würde sie nichts unversucht lassen, um Maike zu finden. Diesmal nicht. Sie schwamm über die Blüten, stieß den letzten Meter hinunter, wie gegen eine Wand. Eine Wand aus Tulpen. Dasselbe Tulpenmeer wie auf Maikes Grab. Rote. Weiße. Gelbe. Anne ertrank. Sie hätte auftauchen müssen, aber sie tat es nicht. Als sie auf dem Grund des Sees zu liegen kam, löste sich zwischen den Blumen eine blaue Glasperle heraus. Eine zweite. Eine dritte …

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