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Leseprobe: Clyátomon - Die Schlacht um die versunkenen Reiche

28.10.2017
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Im Strudel

Andreas war im Rausch der Geschwindigkeit. Er wollte gar nicht mehr anhalten. Wie schnell er wohl raste? Es gab Fische, die über hundert Stundenkilometer schwimmen konnten. Gut, das schaffte er vielleicht nicht. Aber mit einer Seerobbe oder einem Delfin würde er es locker aufnehmen. Er wusste nicht, wie weit er in seinem Rausch gekommen war. Mehrere Kilometer auf jeden Fall. Vielleicht sogar hundert Kilometer. Andreas hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Er schwamm nach oben. Aber die Wasseroberfläche tauchte ewig nicht auf. Die für Menschen möglichen fünfzig Meter Tauchtiefe hatte er mit Sicherheit überschritten. Als er endlich oben ankam, konnte er kein Festland sehen. Er trieb mitten im Meer. Eigentlich hatte er versprochen bei Manuela und Marc zu bleiben. Also musste er zum Ausgangspunkt zurück. Er hoffte, dass die beiden dort auf ihn warteten. Aber leider hatte er keine Ahnung, in welcher Richtung Gran Canaria lag. Also suchen. Aber wie? Er musste systematisch vorgehen, sonst hatte er keine Chance die anderen wiederzufinden. Hoffentlich ging es Manuela gut. Vielleicht würde sie versuchen sich etwas anzutun. Schließlich hatte sie mit diesem Gedanken schon einmal gespielt. Was, wenn ihr bewusst wurde, dass es kein Zurück mehr in ihr altes Leben gab?

Auf einmal sah er vor sich jemanden schwimmen. Ein Fisch oder so was war es mit Sicherheit nicht. Die Person hatte lange, schwarze Haare. Manuela, dachte Andreas und schwamm noch schneller. Erleichterung, dass sie lebte, durchströmte ihn. Im Näher kommen erkannte er jedoch, dass es nicht Manuela war, sondern ein großer, muskulöser Mann, dessen Kleidung einem knielangen, dunkelblauen Nachthemd ähnelte. Dazu trug er einen breiten Ledergürtel, in dem ein Dolch steckte. Ein Meermensch? Es gab also noch andere? Mehr, die so waren wie er? Er musste ihn einholen, um ihn zu fragen. Hoffentlich hatten sie eine gemeinsame Sprache. Wenn dieser Mann ebenfalls vom Festland kam und sich dann verwandelt hatte, sprach er vielleicht Englisch. Er würde ihm erklären können,was mit ihm geschehen war. Und vielleicht hatte er eine Idee, wie Andreas Manuela und Marc finden konnte. Oder er hatte sie sogar gesehen.

Der fremde Mann schwamm so schnell, dass Andreas Mühe hatte ihm zu folgen, und mit einem Mal verschwand er aus seinem Blickfeld. Verdutzt und verärgert hielt Andreas inne. Wieso war er nur so langsam gewesen! Aber wo steckte der Kerl? Sie befanden sich mitten im offenen Meer. Unter ihnen lag nichts als Sand und ab und zu ein Seestern oder ein Seeigel. Da konnte man nicht so einfach verschwinden. Mit einem Mal tauchte der Mann wieder auf. Wie aus dem Nichts. Diesmal kam Andreas ihm so nahe, dass er ihn deutlich erkennen konnte. Er war etwa fünfzig, sein Gesicht kantig und die Augen fast schwarz. Sein Blick ging gerade durch Andreas hindurch, als ob dieser nicht da wäre. Andreas verwirrte das. Der Mann musste ihn doch sehen. Er winkte. Keine Reaktion. Also versuchte er es mit dem Taucherzeichen dafür, dass er keine Luft mehr bekam. Auch darauf reagierte der Fremde nicht, sondern schwamm unbeirrt weiter. Andreas durchzuckte ein stechender Kopfschmerz. Er presste die Hände an die Schläfen, um ihn zu besänftigen.

Als er sie wieder sinken ließ, wich der Schmerz einem dumpfen Pochen und der Fremde hatte sich schon ein ganzes Stück entfernt. Andreas beschloss das Pochen zu ignorieren. Er war so dicht dran. Diesmal würde er den Mann einholen.

Aber je schneller er schwamm, desto weiter entfernte sich der Fremde. Andreas hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren, als er von einer unsichtbaren Faust gepackt wurde. Im gleichen Moment öffnete der Fremde den Mund, als wollte er etwas sagen, aber Andreas verstand die Worte nicht, so sehr er sich auch anstrengte. Dann riss die unsichtbare Faust ihn mit sich.

Andreas wurde schwindlig. Um ihn herum sausten weiße Perlen und vor ihm stürzten riesige Wasserberge hinab, die hinter ihm wieder in die Höhe hinaufwuchsen, um dann erneut herabzustürzen. Er versuchte gegen den Sog anzukämpfen, erkannte jedoch schnell, dass er diesen Kräften nicht gewachsen war. Er wurde herumgewirbelt wie ein Spielball. Andreas wollte schreien, aber der Schrei wurde vom Wasser erstickt. Um sich herum konnte er nichts erkennen außer weißen Strudeln. Seine Arme und Beine fühlten sich taub an. Sie ließen sich nicht mehr bewegen. Dann war alles schwarz.

Das Nächste, das in sein Bewusstsein drang, war eine wütende Männerstimme. »Ihr seid des Wahnsinns! Könnt Ihr mir sagen, wieso Ihr das getan habt? Niemand wird Euch dafür belohnen. Und am wenigsten König Jarmar selbst. Im Gegenteil! Verfluchen wird er Euch dafür, ihm ein weiteres Problem aufzuhalsen und einen Spion anzuschleppen, obwohl sich die Sache von selbst erledigt hätte! Dafür setzt Ihr Euer Leben und das Eurer Männer aufs Spiel?!«

Andreas zwang sich, die Augen zu öffnen. Über ihm drehte sich weißes Licht. Für einen Moment dachte Andreas, er könne tot sein. Er hatte davon gehört, dass Sterbende oft ein weißes Licht sahen. Aber sagte man nicht auch, dass sie sich leicht fühlten? Er dagegen fühlte sich fiebrig und zerschlagen wie noch nie. Langsam kamen die Erinnerungen an den Strudel und den Mann zurück, den er verfolgt hatte. Gehörte ihm die Stimme? Er nahm seine ganze Kraft zusammen und drehte den Kopf.

Gleich sechs Meerwesen standen ihm gegenüber, aber der Gesuchte befand sich nicht darunter. Sie trugen eine Art Rüstung aus einem weißen Material, in dem sich das Licht fing. Es erinnerte ihn an das Innere einer Muschel. Im Raum stand kein einziges Möbelstück. Keine Stühle, kein Tisch, keine Schränke. Es gab nicht einmal ein Fenster. Benötigten die Menschen, die im Meer lebten, denn gar nichts? Nur vier weiße Säulen ragten in den Ecken des Raums nach oben. In diesem Moment bemerkte Andreas, dass er sich zwar fühlte, als würde er auf einem Bett liegen, aber nichts unter ihm stand. Allein das Wasser trug ihn. Der Boden des Raumes bestand aus kleinen blauen und violetten Fliesen. Sie bildeten ein Mosaik, das einen Schwarm Fische zeigte, die im Kreis schwammen.

Einer der Männer trat einen Schritt vor. Durch seine Körpergröße, die breiten Schultern und die massige Figur wirkte er wie ein Schrank. »Mein Name ist Justár.« Er machte eine halbkreisförmige Handbewegung. Erschrocken starrte Andreas auf den dadurch erzeugten Wasserwirbel. Mit einem Mal verlor das Atmen seine Selbstverständlichkeit. Er begann zu husten und nach Luft zu ringen. Dunkle Kreise tanzten vor seinen Augen. Verschwommen sah er Justár näherkommen. Andreas hörte ihn fragen, ob alles in Ordnung sei, aber er konnte nicht mehr antworten. Die Kreise füllten sein gesamtes Blickfeld und er kippte in ihre weiche, kühle Dunkelheit.

Als er das nächste Mal die Augen aufschlug, sagte eine Stimme neben ihm: »Seht an, unser Schützling ist wieder wach geworden.« Ein Mann beugte sich über ihn, musterte ihn und sagte dann zu jemandem, den Andreas nicht sehen konnte: »Ich glaube, jetzt könnt Ihr ihn befragen.«
Justár trat in sein Blickfeld: »Ihr habt lange geschlafen. Aber jetzt, da Ihr wach seid, könntet Ihr uns Euren Namen verraten.«
»Andreas.«
Justár zog die Brauen hoch. »Welch seltsamer Name! So merkwürdig wie die Kleidung, die Ihr tragt. Woher kommt Ihr, Fremder? Aus einem der drei Reiche schonmal nicht, das ist sicher!«
»Drei Reiche?«, fragte Andreas verwirrt.
Justár legte die Stirn in Falten. »Der Strudel scheint Euch ja ganz schön durchgewirbelt zu haben. Ihr befindet Euch in den drei versunkenen Reichen: Dorkas, Freyara und Delryen. Aktuell seid Ihr in Dorkas.«
Andreas wunderte sich über die Aufregung, die in Justárs Stimme mitschwang.
»Wieso wolltet Ihr Euch umbringen? War das der letzte Ausweg, den Ihr gesehen habt, um vor diesem elendigen Krieg zu fliehen? Das könnte ich verstehen.« Justár sah ihn herausfordernd an. Er wirkte arrogant. Die bewaffneten Männer, die um ihn herumstanden, waren bedrohlich. Andreas musste darauf achten, was er sagte.
»Ich hatte nicht vor mich umzubringen.«
»Warum seid Ihr dann in den Janinenstrudel geschwommen? Ihr könnt nur lebensmüde oder nicht bei Sinnen gewesen sein.«
»Wo bin ich und wie lange habe ich geschlafen?«
»Ihr wisst wohl nicht, wie man sich benimmt. Antwortet auf meine Frage. Oder hat man Euch gezwungen in den Strudel zu schwimmen und Ihr dürft nicht verraten, wer das getan hat?«

Langsam kehrte die Kraft in Andreas Körper zurück. Er spannte seine Muskeln an und bewegte sich sofort ein Stück nach oben.
»Es scheint Euch wieder besser zu gehen. Ihr befindet Euch im Palast von Dursus. Und Ihr habt drei Wochen geschlafen.«
»Drei Wochen!?« Andreas erschrak. Hatte er im Koma gelegen?
»Das ist doch nichts Ungewöhnliches für einen Menschen. Warum seid Ihr so überrascht?«
Andreas empfand Justárs Nähe als unangenehm und wich ein Stück zurück. Vielleicht sollte er einfach aufklären, woher er kam. Justár würde das sowieso sehr schnell herausfinden.
»Aus welchem der drei Reiche stammt Ihr?«
Und schon war es passiert. Was sollte er jetzt antworten? Andreas wäre am liebsten einfach weggeschwommen. Aber sie hätten ihn hundertprozentig zurückgehalten. Die einzige Möglichkeit dieser Frage auszuweichen, war, auf die Frage vom Anfang des Gesprächs zurückzukommen. »Ich bin jemandem gefolgt und habe zu spät bemerkt, wie nahe ich dem Strudel gekommen war. Ich glaube, dass die andere Person auch von dem Strudel verschlungen wurde.«
»Da war ganz sicher niemand anderes.«
»Woher wollt Ihr das wissen?« Andreas bemühte sich die veraltete Sprache zu übernehmen und Justár auch mit »Ihr«anzusprechen.
»Weil es niemanden in den versunkenen Reichen gibt, der aus den Strömungen des Meeres besser lesen kann als ich. Ihr wart allein. Und Ihr wart verdammt schnell. Wie habt Ihr das gemacht? Und was wolltet Ihr in dem Strudel?«
Andreas antwortete nicht.
»Jetzt reicht es mir aber! Ich habe das Leben meiner Männer und mein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um Euch aus diesem Strudel herauszuholen. Obwohl es vollkommen verrückt ist, freiwillig dort hinein zu schwimmen. Ich habe mich immer gefragt, ob es möglich wäre, die Wassermassen zu überlisten. Falls Ihr das auch dachtet, habt Ihr Euch jedenfalls ziemlich verkalkuliert. Alleine hat man keine Chance. Wer hat Euch in den Strudel geschickt? König Freywan oder König Imendur? Gebt endlich zu, dass Ihr auf der Suche nach den Lignijnen wart!«
»Ich weiß nicht, was Lignijnen sind«, sagte Andreas ganz langsam.
Stille trat ein. Dann erklärte Justár, was es mit den Lignijnen auf sich hatte: »Lignijnen sind Schattenwesen. Sie beherrschen Sturm und Wellen und sie bringen Dunkelheit und Kälte. Die Legende erzählt, dass Lignijnen im Janinenstrudel warten, bis mal wieder ein Mensch zu nahe heranschwimmt und vom Strudel erfasst wird. Sie ernähren sich von seiner Lebensfreude.«
»Und warum hätte ich dann freiwillig zu diesen Wesen schwimmen sollen? Das wäre doch ziemlich bescheuert, oder?«
»Das habt Ihr gut erkannt. Aber nicht, wenn man glaubt, dass man die Lignijnen vielleicht kontrollieren könnte. Sie lassen sich nicht töten. Also wären sie eine unschlagbare Waffe in diesem Krieg. Freywan ist schon ein Bündnis mit den Meeresechsen eingegangen, von denen auch jeder dachte, dass man nicht mit ihnen zusammenarbeiten könnte.«
»Und gegen diesen Freywan führt Euer König Krieg?«, fragte Andreas und ärgerte sich die Frage gestellt zu haben. Spätestens jetzt musste Justár klar sein, dass Andreas nicht aus den versunkenen Reichen stammte. Aber dann konnte er zumindest endlich um Hilfe für die Suche nach Manuela und Marc bitten.
»Ich glaube, ich muss Euch nicht erklären, dass alle drei Reiche seit einundzwanzig Jahren Krieg gegeneinander führen. Ihr spielt sehr gut. Und jetzt erzählt mir, aus welchem Reich Ihr kommt.«

In diesem Moment schwamm eine Frau durch das Dach des Raumes herein. Das erklärte auch, warum es keine Türen und Fenster gab. Die Meermenschen betraten ihre Räume von oben. Sie landete elegant auf dem Boden und ging mit springend wirkenden Schritten zu ihnen herüber. Wenn man wusste wie, konnte man wohl auf dem Meeresboden laufen. Die Frau trug ein langes, weißes Gewand und hatte einen prächtigen Gürtel um ihre Taille geschlungen. Mehrere goldene Reifen zierten die Arme. Der perlmuttfarbene Schmuck in ihrem langen, schwarzen Haar war geschwungen wie die Wellen des Meeres. Alles an ihr wirkte zierlich: der Körper, das Gesicht, die Hände. Andreas fiel es schwer, ihr Alter zu schätzen. Vermutlich lag es irgendwo zwischen dreißig und vierzig. Justár und die anderen Männer verbeugten sich vor ihr. Die Frau lächelte und senkte leicht den Kopf.
»So, Schluss jetzt!«, sagte sie bestimmt.»Das hier ist mein Patient.«
Justár und seine Männer verließen umgehendden Raum.
»Ich bin Tenéra, die Schwester von König Jarmar.«

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